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Cannabis-Labelling – Eine Mogelpackung mit staatlichem Siegel
 08/01/2018 - 12:25:00

Produktion, Vertrieb und Export von medizinischem Cannabis sind streng reguliert. Trotzdem wissen Patienten weniger über Inhalt und Herkunft ihrer Medizin als Freizeituser. Woran liegt das und was könnte man besser machen? 

Obwohl Produktion, Vertrieb und Export von medizinischem Cannabis aus Kanada und den Niederlanden umfassend und streng reguliert sind, kennen Patienten in Kanada, Deutschland, Tschechien oder den Niederlanden im Regelfall nur den THC– und CBD-Gehalt ihrer Medizin. Während Letztere auf ein Zehntelprozent genau angegeben werden, sind bei vielen Sorten weder ihre Herkunft noch das Cannabinoid- oder Terpenprofil bekannt. 

In einigen US-Bundesstaaten, den Niederlanden und Kanada haben es Freizeituser sogar oft besser, weil Abgabestellen (Coffeeshops und Dispensaries) ihre Produkte nachvollziehbar benennen und diese freiwillig auf die häufigsten Terpene und Cannabinoide untersuchen lassen. Bei großen Produzenten von medizinischem Cannabis bleibt das Erstellen solcher Vollspektrum-Profile bislang die Ausnahme. Doch Cannabinoide wie CBD-V (Cannabidivarin), THC-V (Tetrahydrocannabivarin) und andere Inhaltsstoffe der Cannabispflanze spielen bei der medizinischen Anwendung eine immer größere Rolle. In Deutschland etwa wissen Epileptiker zurzeit nicht, welche der 18 angebotenen Sorten viel CBD-V enthalten. CBD-V-reiche Sorten haben nachweislich Epilepsie hemmende Eigenschaften, von denen Patienten wie Tara O‘Connell bereits seit vielen Jahren profitieren.

Fantasienamen statt Informationen

Da die niederländischen und kanadischen Cannabisagenturen die alten Sortennamen bei der Einführung ihrer medizinischen Cannabis-Programme nicht übernehmen wollten, wurden die Hersteller im Rahmen der Lizenzvergabe dazu gedrängt, sich für ihre Produkte Namen auszudenken. Diese Fantasienamen sagen nichts über die Wirkung oder den Geschmack einer Sorte aus. Da die meisten lizenzierten Hersteller keine Vollspektrum-Profile veröffentlichen, kennen Patienten in staatlichen Cannabis-Programmen lediglich den THC- und CBD-Anteil. Ist die Sorte hingegen bekannt, wissen sie anhand der jeweiligen Abstammung über den Sativa- und Indica-Anteil sowie einige andere Kriterien Bescheid und haben wenigstens Anhaltspunkte, was hinter einer Sorte steckt.

Computeraffine deutsche Patienten erfahren im Internet, dass es sich bei Tweeds “Princeton” um “Ghost Train Haze” handelt und “Hindu Kush” in der Apotheke als “Bakerstreet” angeboten wird. Für solche Apotheken-Sorten, die in den USA oder Kanada auch zum Freizeitkonsum angeboten werden, bieten englischsprachige Foren und Seiten meist auch die begehrten Profile an.

Bei den sechs Pedanios-Sorten, die von Pedanios importiert und in Deutschland verkauft werden, sind weder die Sortenherkunft noch die enthaltenen Cannabinoide und Terpene bekannt. Pedanios-Sorten werden ausschließlich nach dem THC/CBD-Verhältnis benannt (z.B. Pedanios 22/1), die Ursprungssorten und andere Inhaltsstoffe sind nicht bekannt oder werden nicht veröffentlicht. Ob und wie die Übernahme von Pedanios durch den kanadischen Produzenten Aurora die Eigenschaften der zuvor von Peace Naturals produzierten Sorten beeinflusst hat, wissen weder Ärzte noch Patienten. Klar ist lediglich, dass sich Aroma und Geruch der Sorten seit dem Produzentenwechsel verändert haben, während der THC- und CBD-Gehalt gleich geblieben ist. Der Verdacht liegt nahe, dass hier nicht eine spezifische, medizinische Cannabis-Sorte vermarktet wird, sondern eine Marke. Zur Verwirrung trägt bei, dass der ehemalige Pedanios-Produzent Peace Naturals demnächst mit eigenen Produkten in den Regalen deutscher Apotheken vertreten sein wird.

Bedrocan

Etwas besser präsentiert sich die Situation in den Niederlanden. Beim Produzenten Bedrocan sind Herkunft und Profile der älteren Sorten bekannt. Obwohl das OMC (Office of Medicinal Cannabis) keine Sorten zulässt, die sich auf dem Schwarzmarkt einen Namen gemacht haben, wissen Patienten in Europa, dass der Sorte “Bedrocan” eine “Jack Herer” und “Bedrobinol“ eine “Jack Herer x Afghaan” zugrunde liegen.

Doch auch der bislang einzige Produzent aus den Niederlanden gibt nicht die Herkunft aller Sorten bekannt und verweist in diesem Zusammenhang auf sein Betriebsgeheimnis. Auf der anderen Seite ist Bedrocan führend auf dem Gebiet der Terpen- und Cannabinoidforschung und teilt diese Ergebnisse auch öffentlich. Welche Terpene und Cannabinoide in Bedrocan-Strains enthalten sind, ist mit ein wenig Aufwand auf der Website der niederländischen Firma zu finden. Leider haben es diese Informationen noch nicht auf die Verpackungen der Bedrocan-Dosen geschafft.

Patienten brauchen mehr als Sativa und Indica

Die aktuelle Einteilung von medizinischem Cannabis in Sativa- und Indica-Sorten hält wissenschaftlichen Standards nicht stand, auch wenn Patienten mangels Alternativen immer noch auf sie zurückgreifen.

Eine neue Studie der Dalhousie University analysiert, in Zusammenarbeit mit Bedrocan, 149 niederländische Cannabisproben. Die Forscher konnten keine genetischen Unterschiede zwischen Indica- und Sativa-Proben finden, die für die Klassifizierung notwendig wären. Allerdings könne man anhand des in der Studie erstellten Terpenprofils Rückschlüsse auf die Herkunft einzelner Sorten ziehen. „Es ist wahrscheinlich, dass Sorten durch ihre verschiedenen Aromen klassifiziert werden und nicht anhand ihrer genetischen Herkunft“, heißt es in der Pressemitteilung zur Studie.

Auch Freizeitusern sind Sativa, Hybrid und Indica seit Jahrzehnten und wohl auch zukünftig eine nützliche Orientierungshilfe bei der Auswahl einer Cannabissorte. Wenigstens so lange bis ein besseres, eindeutiges und nachvollziehbares Klassifizierungssystem entwickelt wird, das allen Seiten die gewünschte und notwendige Klarheit über die enthaltene Wirkstoffkombination verschafft.

Die Kleinen machen es vor

Ein paar passionierte Betreiber von Dispensaries und Coffeeshops haben verstanden, dass Cannabis-Patienten mehr brauchen als die klassische und überholte Einteilung in Sativa, Indica und Hybride. Sie liefern Vollspektrum-Profile ihrer Sorten.
Produzenten sollten, gemeinsam mit den zuständigen Cannabis-Agenturen, ein für Patienten zeitgemäßes Klassifizierungssystem entwickeln, das auf Terpenen und Cannabinoiden basiert. Derzeit profitieren Produzenten immer noch von der übernommenen Genetik eines einst illegalen Marktes, während sie die Wurzeln vieler Sorten verleugnen (müssen). Statt Namen oder Nummern für längst bekannte Sorten zu erfinden, könnten sie jetzt beweisen, dass sie es unter legalen Bedingungen besser können als die illegal agierenden Pioniere. Lizenzierte Produzenten verfügen über die nötigen Ressourcen, um schnellstmöglich eine neue Standardisierung einzuführen, von der zuerst Ärzte und Patienten, langfristig aber auch Freizeituser profitieren werden.

Original Artikel:Cannabis-Labelling – Eine Mogelpackung mit staatlichem Siegel

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