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Deutschland kann den Bedarf an medizinischem Cannabis kaum decken
17/11/2017 - 14:00:00

Sechs Monate nach Einführung des Gesetzes zu dessen medizinischer Verwendung gibt es viel zu wenig Cannabis in Deutschlands Apotheken. Die fünf Tweed-Sorten sind seit Wochen ausverkauft und frühestens in einer Woche wieder lieferbar. 

Zahlreiche Medienberichte bestätigen, dass die Versorgung von Cannabispatienten ein gutes halbes Jahr nach Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes aufgrund von aktuellen Lieferengpässen nicht gewährleistet ist. Derzeit sind nur noch kleinere Bestände der Sorte Pedanios 22/1 zu bekommen. Allerdings enthält die aktuelle Charge Samen und weist wohl deshalb nur 19,5 statt der üblichen 22 % THC auf. Auch der niederländische Produzent von medizinischem Cannabis Bedrocan kann insgesamt weniger als benötigt und auch nicht alle seiner sechs angebotenen Sorten liefern. In Patienten-Foren ist zu lesen, dass nur Apotheken, die auf Vorrat Cannabis bestellt haben, überhaupt in der Lage seien, Patienten zu beliefern. 

Bedrocan erklärt, die Lieferengpässe lägen nicht an der mangelnden Verfügbarkeit ihres Produkts, sondern hätten bürokratische Ursachen: 

Die Bundesregierung hat die niederländische Regierung gebeten, in diesem Jahr 700 kg Cannabis zu liefern. Das niederländische Amt für Medizinisches Cannabis (OMC), das für die Ausfuhr des holländischen Cannabis verantwortlich ist, wird die beantragte Menge gemäß diesem Vertrag liefern. Es scheint, dass die deutsche Nachfrage höher ist als von der Bundesregierung berechnet. Wir empfehlen deutschen Patienten, sich mit einem Abgeordneten in Verbindung zu setzen, um das Thema anzusprechen. Leider können wir von unserer Seite aus nichts tun. Wir liefern, was das niederländische OMC verlangt,“ heißt es aus der Pressestelle des Unternehmens.

Zahl der Cannabis-Patienten steigt rapide

„Der Bedarf ist seit März natürlich gestiegen, weil die Ärzte es immer häufiger verschreiben. Aber das Gras wächst ja nicht schneller, nur weil die Politik das gern hätte“, sagte der Vorsitzende des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, Mathias Arnold, schon im Sommer gegenüber der Mitteldeutsche Zeitung.

Das ist nur teilweise richtig: Das Gras muss nicht schneller wachsen, wenn die Importkontingente umgehend nach oben korrigiert würden. Der geschätzte Jahresbedarf deutscher Patienten wurde noch nach dem Bedarf 1.000 ehemaliger Inhaber einer Ausnahmegenehmigung berechnet. Hier müsste das BfArM schnell handeln, anhand der Verordnungen seit März 2017 zumindest einen annähernd realistischen Bedarf errechnen.

Patienten-Rückmeldungen aus den DHV- und SCM (Selbsthilfenetzwerk Cannabis Medizin)-Foren lassen befürchten, dass sich die Versorgungslage in nächster Zeit kaum verbessern wird. Wer nicht langfristig vorbestellt, kann auch mal leer ausgehen. Derzeit müssen Patienten deshalb vor dem Besuch beim Arzt in ihrer Apotheke anrufen und fragen, welche der wenigen Sorten überhaupt in ausreichender Menge verfügbar ist und diese dann reservieren lassen. Denn steht eine bestimmte Sorte von medizinischem Cannabis auf der Verordnung, die die Apotheke nicht liefern kann, wird das ganze Rezept binnen sieben Tagen ungültig. Der Patient müsste dann ein zweites Mal zum Arzt, um sich ein Rezept mit einer der vorhandenen Sorten ausstellen zu lassen.

Gretchenfrage Kostenerstattung

Der Engpass hat zwei Gründe: Einerseits können die Patienten, die jetzt schon eine Kostenübernahme für medizinisches Cannabis durch ihre Krankenkasse zugesagt bekamen, endlich ihren gesamten Monatsbedarf in der Apotheke erwerben. Vorher haben solche Patienten aus Geldmangel oft nur einen Bruchteil ihres Bedarfs legal und den Rest auf dem Schwarzmarkt eingekauft – oder es gleich selbst angebaut. Außerdem verfügen viele, denen die Prozedur der Beantragung einer Ausnahmegenehmigung bislang zu aufwendig war, seit Einführung des Gesetzes über ein Rezept für Cannabisblüten. Da die Ärzte bislang aus Angst vor Regressforderungen der Krankenkassen noch sehr zögerlich bei der Ausstellung von erstattungsfähigen Kassenrezepten sind, wird Cannabis meist auf Privatrezept, dessen Kosten von bis zu 25 Euro/Gramm die Patienten selbst tragen, verordnet. Doch selbst die hohen Kosten scheinen viele nicht davon abgehalten zu haben, sich ihre Medizin nach Jahren der Illegalität zum ersten Mal legal zu beschaffen.

Zeitgleich mit dem neuen Gesetz sind die Preise für Cannabis exorbitant gestiegen. Die Apotheken begründen den Preis von aktuell durchschnittlich 25 Euro/Gramm mit der komplizierten Gebührenordnung im deutschen Gesundheitswesen. Cannabis ist mit dem neuen Gesetz eine Rezeptursubstanz geworden. Deshalb müsse die Rohware umgepackt, nach deutschen Standards etikettiert und dosiert (also zerkleinert) werden, bevor sie der Patient ausgehändigt bekomme. Wenn der behandelnde Arzt auf dem Rezept „nicht zerkleinert“ vermerkt, verzichten die Apotheken wenigstens auf das Zerkleinern, die Gebühr bleibt jedoch gleich. Die anfallende Gebühr für diesen Vorgang beträgt knapp 10 Euro pro verkauftem Gramm. In den Niederlanden kostet die gleiche Medizin ein Viertel dessen.

Kassen versuchen Kostenerstattung von medizinischem Cannabis zu vermeiden

Waren es vor Inkrafttreten des Gesetzes noch ein wenig mehr als 1000 Inhaber einer Ausnahmegenehmigung. So sind zwischen März und Anfang Juli alleine bei der Techniker Krankenkasse (TK) und der AOK fast 3200 Anträge zur Kostenübernahme für medizinisches Cannabis eingegangen: Bis zum 7. Juli waren bei der TK genau 863 solcher Anträge bearbeitet worden, von denen 522 genehmigt und 341 abgelehnt wurden. Bei Deutschlands größter Krankenkasse, der AOK, waren bis zum selben Zeitpunkt rund 2300 solche Anträge eingegangen, wobei nach Angaben der Kasse „ungefähr die Hälfte“ genehmigt wurde. Bei der Barmer Ersatzkasse gingen 1420 Anträge ein, von denen 46 Prozent abgelehnt wurden. So bekommt derzeit jeder zweite Patient trotz ärztlicher Verordnung eine Absage und muss die extrem teure Medizin entweder selbst bezahlen oder sie illegal beschaffen.

Die hohe Dunkelziffer der Anträge, die bei den drei anderen großen sowie zahlreichen kleinen Krankenversicherungen eingegangen sind, ist bislang unbekannt. Auch zu Patienten, die sich nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes ein Cannabis-Rezept auf Privatkosten haben ausstellen lassen, ohne dessen Erstattung zu beantragen, gibt es bislang noch gar keine Statistiken. Da bislang nur zwei Krankenkassen ihre Zahlen preisgegeben haben und das Bundesgesundheitsministerium ebenso schweigt, ist es schwer zu erfahren, wie viele Cannabis-Patienten es seit Einführung des neuen Gesetzes in Deutschland überhaupt gibt.

In den ersten drei Monaten nach Einführung des Gesetzes wurden 12.500 Cannabispräparate verordnet

Experten schätzen, dass sich die Zahl der Patienten angesichts der Zahl der insgesamt in Deutschland Versicherten mittlerweile vervielfacht habe. Maximilian Plenert berät den Deutschen Bundestag regelmäßig als Sachverständiger für medizinisches Cannabis und erklärte auf Nachfrage, er schätze auf Grundlage der ihm vorliegenden Zahlen und Rückmeldungen, dass alleine von Anfang März bis Ende Juli 2017 etwa 10.000 Patienten auf die ein oder andere Weise medizinische Cannabisblüten aus der Apotheke erhalten haben. Die Apotheker-Zeitung meldet, dass in den ersten drei Monaten nach Einführung des Gesetzes insgesamt 12.500 Cannabispräparate verordnet wurden.

So eine große Zunahme habe keiner vorausgesehen. Pedanios habe im Vorfeld großzügig kalkuliert und alles aufgekauft, was Holland und Kanada an medizinischem Gras zu bieten gehabt hätten. Aber deutschen Patienten wurde gesagt, in sechs bis acht Wochen werde in den Apotheken wieder ausreichend Cannabis verfügbar sein. Engpässe werde es in Zukunft keine mehr geben, sagte Pedanios im August gegenüber der tageszeitung.

Doch auch die Berliner Firma hatte es seitdem nicht immer ausreichend verfügbar. Pedanios ist mit der aktuellen Situation auch nicht zufrieden, hofft aber auf baldige Besserung. Man habe die Produktion in Kanada von Ontario nach Alberta verlagert. Dort seien die Behörden noch nicht mit dem Export-Procedere vertraut, was bei den letzten Lieferungen zu Verzögerungen geführt habe. Das habe man allerdings jetzt im Griff und könne noch im November die nächste große Lieferung in Empfang nehmen, so der Pedanios Geschäftsführer Patrick Hoffman auf telefonische Nachfrage. Bei der letzten Lieferung habe man die Wahl gehabt, entweder versamte Blüten zu importieren oder den Patienten wochenlang gar nichts anbieten zu können. So habe man sich angesichts der aktuellen Versorgungsengpässe im Sinne der Patienten entschieden, die Ware trotz des offensichtlichen Mangels einzuführen. Auch das käme in Zukunft nicht mehr vor.

Aufgrund der zahlreichen Samen müsste der Strain dieses Mal auch „Pedanios 19,5/1“ heißen, da die aktuelle Charge laut Etikett nur 19,5 % THC enthält.

Wieder müssen Patienten klagen

Sechs Wochen nach Einführung des neuen Gesetzes wurde zudem klar, dass die Krankenkassen viele Anträge auf Kostenerstattung ablehnen würden. Selbst die Anträge ehemaliger Inhaber der staatlichen Ausnahmeerlaubnis wurden gleich reihenweise abgelehnt. So konnten und können viele seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes ihre Therapiekosten bei einem Preis von 23 bis 25 Euro/Gramm nicht mehr finanzieren. Derzeit klagen zahlreiche Patienten in ähnlich gelagerten Fällen. Sollten sie ihre Prozesse, wie von den meisten Beobachtern erwartet, gewinnen, wird das den Bedarf an medizinischen Cannabisblüten noch einmal in die Höhe schnellen lassen.

Nur die Apotheker freut das neue Cannabis-Gesetz

Während viele Ärzte und Krankenkassen Cannabis ablehnend gegenüberstehen, scheinen die Apotheker Gefallen an ihrer neuen Rolle gefunden zu haben. Wie die Deutsche Apotheker Zeitung kürzlich meldete, begrüßt die Mehrheit der deutschen Apotheken das neue Gesetz. Drei von zehn Apothekern gaben an, das neue Gesetz habe sich auch positiv auf die Nachfrage ausgewirkt. Seitdem sei bei ihnen mehr Cannabis verkauft worden. Doch die zusätzliche Prüfung stelle doch einen erheblichen Aufwand dar, beklagten 98 Prozent. Wohl deshalb lassen sie sich diesen hohen Aufwand immerhin mit fast zehn Euro pro Gramm bezahlen. Dreißig Prozent der Apotheker stehen den Neuregelungen unentschlossen gegenüber, jeder Fünfte lehnt sie ab.

Deutsche Patienten sind bis 2019 von Kanada und den Niederlanden abhängig

Deutsche Patienten bekommen momentan nur, was im Rahmen des niederländischen und kanadischen Cannabis-Programms nicht benötigt wird. Steigt der Bedarf in Kanada oder den Niederlanden, wird es auch in Deutschland wieder eng mit der Cannabis-Versorgung der Apotheken. Der nationale Bedarf im Rahmen der Cannabisanbau-Programme geht natürlich vor, exportiert wird nur, was auch wirklich übrig ist. In Kanada geht man davon aus, dass mit der Legalisierung im Juli 2018 in Kanada Engpässe ausbrechen, die nur von den großen Medizinalhanf-Produzenten kompensiert werden können. Für die wäre es ohnehin weitaus einfacher und unbürokratischer, den heimischen Markt für erwachsene Freizeit-User zu bedienen, anstatt langwierige Ex- und Importgenehmigungsprozesse zu meistern. Das erste in Deutschland angebaute Cannabis wird hingegen nicht vor 2019 verfügbar sein.

Doch immerhin kann man den Engpässen und der fehlenden Kostenerstattung noch etwas Positives abgewinnen. Die Chancen für Cannabis-Patienten, die gerade vor Gericht klagen, um den Anbau ihrer Medizin ohnehin lieber in die eigene Hand zu nehmen, steigen, falls die Regelversorgung nicht bald gewährleistet ist.

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