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Reisen mit Cannabis als Medizin – Was man wissen sollte
21/08/2017 - 14:00:00

Mit dem neuen Gesetz zu Cannabis als Medizin wurde medizinisches Cannabis in Deutschland verkehrsfähig. Seitdem darf man es mit ins europäische Ausland nehmen. Was es zu beachten gilt, lesen Sie hier. 

Immer mehr EU -Länder verabschieden Gesetze zur Verwendung von medizinischem Cannabis. Doch die Gesetzgebung ist sehr uneinheitlich, weshalb Cannabis-Patienten, die sich mit ihrer Medizin auf Reisen begeben wollen, einige Dinge beachten müssen, denn auch nach der Zulassung als Medikament gelten für Cannabis Flos andere Regeln als für herkömmliche Medikamente. Alle Cannabispräparate, egal ob Fertigpräparat, Extrakt oder Blüte, werden als so genannte „verkehrsfähige Betäubungsmittel“ verschrieben und gehandelt. Da in den meisten Ländern lediglich Sativex, Marinol, Dronabinal, oder Canames zugelassen sind, darf man aus diesen Ländern auch nur diese Präparate mit in den Urlaub oder auf die Geschäftsreise nehmen. Dazu bedarf es einer „Bescheinigung für das Mitführen von Betäubungsmitteln im Rahmen einer ärztlichen Behandlung – Artikel 75 des Schengener Durchführungsabkommens“, die jedes EU-Mitgliedsland ausstellen kann. Dazu muss ein Patient in Deutschland dieses Formular vom behandelten Arzt ausfüllen und es auf der zuständigen Gesundheitsbehörde abstempeln lassen. In Deutschland sind das die jeweiligen Landesgesundheitsämter, die manchmal für die Bearbeitung eine geringe Gebühr erheben. Das Durchführungsabkommen wurde eingeführt, um den Betäubungsmittelverkehr im medizinischen Bereich innerhalb der EU zu vereinfachen und berechtigt deshalb sowohl zum Export aus dem ausstellenden Land als auch zum Import in andere EU-Staaten.

Ausgestattet mit einem solchen Schein darf ein Patient einen 28-Tage Bedarf seiner Medizin mit sich führen. Bei Flugreisen muss die Medizin zusammen mit der Kopie des Rezepts und der Bescheinigung im Handgepäck mitgeführt werden.

Cannabisblüten unterwegs

Bis März 2017 war Cannabis in Deutschland immer noch eine illegale Substanz, die unter Anlage 3 des Betäubungsmittelgesetzes fiel und nur mit einer „Ausnahmeerlaubnis zur Selbsttherapie mit Cannabis Flos“ erworben werden durfte. Seit der Gesetzesänderung Anfang März fällt medizinisches Cannabis unter Anlage drei und wurde dadurch ein „verkehrsfähiges Betäubungsmittel“. Einige lokale Gesundheitsbehörden hatten Cannabis-Patienten schon vor der offiziellen Umstufung eine Bescheinigung gemäß des Durchführungsabkommens erteilt, was die zuständige Bundesbehörde wortlos geduldet hat, obwohl es streng genommen nicht ganz legal war. Doch seit März sind in Deutschland verordnete und erworbene Medizinalhanfblüten eindeutig verkehrsfähig und dürfen innerhalb der EU mitgeführt werden.

Aus Ländern wie den Niederlanden, Italien oder Deutschland, wo auch Blüten als verkehrsfähiges Arzneimittel gelten, können Patienten ihren benötigten 28-Tage Bedarf ins EU-Ausland mit sich führen. Das Procedere ist genau wie bei den Fertigpräparaten, wobei auch bei Blüten die Wirkstoffmenge in Milligramm angegeben werden muss. So darf ein Patient, der drei Gramm Cannabis der Marke „Bedrocan“ am Tag verschrieben bekommt, 84,18 Gramm Blüten aus der Apotheke mit sich führen. Zudem muss vermerkt sein dass die 84,18 Gramm bei einem THC-Gehalt von 22 Prozent genau 18,48 Gramm THC enthalten. Ansonsten gelten die gleichen Regeln wie für Fertigpräparate. Die Arznei sollte zudem im versiegelten Originalbehälter mitgeführt werden.

EU-Recht zufolge ist es also theoretisch möglich, legal Cannabisblüten in Länder wie Österreich, Belgien oder Frankreich mitzunehmen, in denen diese aufgrund der jeweiligen gesetzlichen Lage selbst als Medizin noch komplett illegal sind. Bislang sind noch keine Fälle bekannt, bei denen Patienten bei Vorweisen der entsprechenden Dokumente Konsequenzen erleiden mussten.

Medizinisches Cannabis aus der EU ausführen

Jetzt wird es komplizierter. Wer medizinisches Cannabis in ein Nicht-EU Land mitnehmen muss, kann den Export aus Deutschland mit diesem Formular beantragen, das zum Export eines 30-Tage Bedarfs berechtigt. Parallel dazu muss sich der Patient eine Import-Genehmigung des Ziellandes besorgen. Das kann nur dann funktionieren, wenn beide Länder über ein medizinisches Cannabisprogramm auf Bundesebene verfügen, da Einreiseformalitäten weltweit von Bundesbehörden kontrolliert werden. Für Jamaika zum Beispiel ist das kein Problem, aber viele Staaten erteilen noch keine Importgenehmigung für medizinisches Cannabis.

Selbst Kanada erklärt auf der Seite des Gesundheitsministeriums, dass Ex- und Import von medizinischem Cannabis für Patienten grundsätzlich verboten sei. Grund genug, einmal bei Health Canada direkt nachzufragen, ob diese Information trotz kommerziellen Exports von kanadischen Medizinalhanfblüten in die EU seit 2016 immer noch aktuell ist:

Sehr geehrte Frau XXX,

ich heiße Michael Knodt, wohne in Deutschland, arbeite als freier Journalist und plane kommenden Herbst eine Geschäftsreise nach Kanada.

Ich beziehe im Einklang mit deutschem Recht medizinisches Cannabis aus den Niederlanden und Kanada in deutschen Apotheken. Seit Cannabis in Deutschland als verkehrsfähiges Arzneimittel gilt, wäre ich berechtigt, eine 30-Tagesdosis meiner Medizin mit auf Reisen in Staaten außerhalb der EU zu nehmen. Dazu müsste ich die ärztliche Verordnung, die ungeöffnete Medizin sowie das Dokument im Anhang ausgefüllt mit mir führen.

  1. Wäre das nach kanadischem Recht zulässig?
  2. Falls nicht, würde meine Verordnung in Kanada zum Erwerb von Medizinalhanfblüten aus dem staatlichen Programm gültig?
  3. Wäre es möglich, als Reisender eine ärztliche Verordnung in Kanada zu erhalten?
  4. Bitte erlauben Sie mir eine zusätzliche Frage in Bezug auf die Internationale Richtlinien für nationale Vorschriften bei Reisenden, die mit verschreibungspflichtigen Betäubungsmitteln behandelt werden: Auf Ihrer Homepage steht: „Auch wenn Sie kanadischen Gesetzen zufolge Cannabis besitzen oder produzieren dürfen, ist es Ihnen nicht gestattet, Cannabis bei der Ein- oder Ausreise mitzuführen. Auch der Im- oder Export von Samen oder getrockneten Pflanzenteilen ist untersagt.“

Dürfen Kanadische Cannabis-Patienten eine 30-Tage Dosis in Länder wie Jamaika, die Niederlande, Deutschland oder Tschechien, die über ein medizinisches Cannabis-Programm verfügen, mitführen, sofern das Zielland den Import gestattet?

Ich bedanke mich vorab herzlich für Ihre Unterstützung und verbleibe

mit freundlichen Grüßen, 

M. Knodt 

Health Canadas Antwort:

Zu 1.: Nein, kanadische Cannabis-Produzenten dürfen kanadischen Gesetzen zufolge keine Verordnungen aus anderen Ländern akzeptieren.

Zu 2: Nein, Reisende nach Kanada dürfen kein medizinisches Cannabis einführen.

Zu 3: Nein, Personen müssen eine Verordnung eine kanadisches Arztes oder einer Praxis erhalten, die dazu autorisiert ist.

Zu 4: Nein, Kanadierinnen und Kanadier dürfen kein medizinisches Cannabis in Länder mit einem entsprechenden Gesetz mitnehmen.

Mit freundlichen Grüßen, 

XXX

Kanada lässt sowohl Einheimischen als auch Besuchern keine Möglichkeit, ihre Cannabis-Therapie auf Reisen fortzusetzen, während immer mehr Produzenten von medizinischem Cannabis Exportlizenzen erhalten, um kanadische Blüten nach Europa zu verkaufen. Das führt zu der skurrilen Situation, dass legal in Kanada angebaute Blüten, die von Patienten in Deutschland legal in der Apotheke erworben werden, von Patienten nicht nach Kanada mitgenommen werden dürfen.

Israels Gesundheitsministerium, das auch über ein medizinisches Cannabisprogramm verfügt, hat sich trotz mehrmaliger schriftlicher und telefonischer Anfragen nicht geäußert und bislang auch keinerlei Informationen zu medizinischem Cannabis auf Reisen veröffentlicht.

Es wundert nicht, dass die wirtschaftlichen Interessen des Cannabusiness wieder vor denen des Individuums Patient geregelt werden. Um sich nicht vorwerfen lassen zu müssen, wirtschaftliche Interessen stünden bei den Internationalen Regelungen zu medizinischem Cannabis über den Belangen und Bedürfnissen von Cannabis-Patienten, sollten Länder wie Israel, Kanada oder Uruguay schnell eine rechtsverbindliche Lösung finden, die die Mitnahme legal produzierter und erworbener Medizinalhanfblüten auch über Grenzen hinweg ermöglicht.

Original Artikel:Reisen mit Cannabis als Medizin – Was man wissen sollte


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