Hempyreum.org
Local Time
English (UK) Deutsch (DE) Français (FR) Español (ES) Italian (IT)
Interview mit Javier Puig, Vorsitzender des Cannabis-Verbandes FAC
19/05/2017 - 13:00:00

Javier Puig, Vorsitzender der FAC, spricht in diesem Interview über die wichtigsten aktuellen Fragen zu Cannabis in Spanien: Die Urteile des Obersten Gerichtshofes, die neuen politischen Initiativen und den Wandel der öffentlichen Meinung. 

Die Gesellschaft ist reif und das muss man ins Parlament tragen. 

Wie wir in diesem Blog schon berichtet haben, befindet sich die politische Landschaft in Bezug auf Cannabis in Spanien in rasanter Bewegung. Javier Puig ist der Vorsitzende des größten und ältesten Cannabis-Verbandes FAC (Federación de Asociaciones Cannábicas) und berichtet in diesem Interview über die Situation der Cannabis-Clubs in Spanien, die politischen Fortschritte und die manchmal komplizierten Beziehungen zu anderen Plattformen und Initiativen.

Zunächst einmal: Kannst du uns etwas zur aktuellen Situation der FAC erzählen?

Die FAC befindet sich in einer positiven Entwicklung. Sie wächst sowohl zahlenmäßig als auch in Bezug auf den Vernetzungsgrad. Derzeit haben wir Vertretungen in allen autonomen Gemeinschaften außer in Kastilien-La Mancha, Ceuta und Melilla. Wir haben heute Regionalverbände in sechs Regionen, und in weiteren neun gibt es Clubs, die noch nicht Teil des Verbandes sind, sich aber aktiv beteiligen. Es gibt viele neue Leute, wie in Kastilien-León oder in Aragonien. Wir werden auch nach Infos gefragt bezüglich der Aufnahme von Clubs, die anderen Verbänden angehören oder schon vor Jahren die FAC verlassen haben und jetzt zurückkommen, weil sie mit ihren neuen Verbänden unzufrieden sind oder weil diese inaktiv sind. Es gibt aber nach wie vor auch historisch gewachsene Verbände. Zum Beispiel die CATFAC, den katalanischen Verband, der durch seine Erfahrung viel beitragen kann und auf horizontaler Ebene eine wichtige Rolle spielt.

Im Januar hattet ihr eine Mitgliederversammlung und u.a. habt ihr entschieden, zu einem Dachverband zu werden, statt weiter als Verband zu arbeiten. Warum?

Das erschien uns mitten im Wachstumprozess eine logische Entscheidung. Da wir mehrere Regionalverbände haben, ist es normal, dass sich die Clubs nach und nach in diesen Regionalverbänden zusammenschließen. Die Zwecke der FAC sind unverändert, aber ihre Organisationsstruktur wird sich ändern. Sie wird horizontaler und dezentraler ausgerichtet als bisher. Außerdem werden wir mehr Clubs vertreten als bisher, da es zur Gründung eines Verbands nur drei Clubs in ganz Spanien braucht, während in einem Dachverband mindestens drei Verbände mit ihren jeweiligen Clubs organisiert sein müssen. Es geht uns darum, die Entscheidungsfreiheit des einzelnen Verbands zu achten, wobei aber die gemeinsamen Ziele weiter verfolgt werden müssen.

Beratet ihr nach wie vor neue Clubs, die euch darum bitten?

Nach wie vor gibt es eine Basisberatung, für die wir 50 € nehmen. Im Preis inbegriffen ist ein Dossier und ein Club-Handbuch, dem wir einen detaillierten Leitfaden mit allen Verfahrensschritten beifügen wollen. Wir arbeiten mit einer Anwältin zusammen, die auch selbst Aktivistin ist, Beatriz Macho. Die Clubs können sie bei Bedarf beauftragen, und sie kümmert sich dann um die Verfahrensschritte zu gestaffelten Preisen. Wenn sich ein Club informieren möchte, kann er uns eine E-Mail an fac@fac.cc schreiben oder uns unter +34 660535244 anrufen und mit Bea sprechen.

Die politische Landschaft erfährt gerade große Veränderungen. Was für Prioritäten habt ihr auf diesem Feld?

Vor allem wollen wir die die Unterstützung aus der Gesellschaft, die wir in den letzten Jahren erreicht haben, in die Politik einfließen lassen. In der Gesellschaft gibt es heute eine befürwortende Haltung, eine Mehrheit, die sich für eine Regulierung von Cannabis ausspricht. Die Gesellschaft ist reif und das muss man ins Parlament tragen. Weil die Zentralregierung und auch einige Oppositionsparteien dem aber bis jetzt einen Riegel vorgeschoben haben, hat sich die politische Arbeit bis jetzt auf die autonomen Gemeinschaften konzentriert, wo noch mehrere Regulierungsprozesse laufen und wir noch auf mehr hoffen. Aber jetzt muss man auch mehr in Madrid tun und wir haben einige Aktivitäten eingeleitet. Wir haben die PSOE und andere Parteien kontaktiert, wir stehen auch in Kontakt mit Podemos, da unser de facto-Schriftführer Braulio Mitglied in deren Cannabis-Basisgruppe ist. Wir wissen auch, dass von einer Expertengruppe demnächst ein Gesetzesvorschlag vorgelegt wird. Derzeit warten wir ab, weil er uns wahrscheinlich als Grundlage nützlich sein kann, um eine klare Position zu definieren und in diesem neuen Kontext, den wir derzeit erleben, für unsere Rechte einzutreten.

Wie steht es um die Geldmittel, die euch für diese neue Etappe zur Verfügung stehen?

Seit langem leiden wir an Geldmangel. Wir haben viel zu wenig Sponsoren. Wir schalten auf unserer Homepage immer noch die Werbung unserer ehemaligen Sponsoren, aber die Wahrheit ist, dass wir seit langem kein Geld mehr erhalten. Deshalb arbeiten wir auf ehrenamtlicher Basis, weil es um die finanzielle Situation der meisten Clubs sehr schlecht bestellt ist. Derzeit stoßen jedoch viele junge Aktivisten zu uns, die technisches Wissen mitbringen, sehr motiviert und gut vorbereitet sind. Das hilft uns sehr.

Kommen wir auf die Urteile des Obersten Gerichtshofes gegen die Cannabis-Clubs zu sprechen. Wie schätzt ihr als FAC diese Urteile ein?

Sie stehen eindeutig für eine harte Verbotspolitik, aber sie lassen auch in einigen Punkten Spielräume. Diese Punkte könnten Ausdruck interner Uneinigkeit, aber auch Absicht sein. Sie legen den Begriff der „geschlossenen Gruppe“ restriktiv aus, ohne das zu erläutern, und lassen einige andere Dinge offen.

Es gibt aber auch einige positive Seiten wie die Legitimation des kollektiven Anbaus, obwohl man ihn eigentlich gesetzlich regulieren müsste, und die Anerkennung des Scheiterns der Verbotspolitik. Aber das Beste ist die Tatsache, dass sie den Gesetzgeber auffordern, unsere Aktivitäten gesetzlich zu regulieren. Und weil die Politiker sich ständig auf den Obersten Gerichtshof beziehen, sollten sie das zur Kenntnis nehmen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Und wie steht es dabei um die Clubs?

Die Clubs sind aufgrund der Unklarheiten in einer Situation der totalen Verwundbarkeit. Man muss abwarten, wie die neue Doktrin in den kommenden Urteilen ausgelegt wird, und vor allem muss man abwarten, wie die unteren Gerichte sie umsetzen. Aber bis dahin befinden wir uns in totaler Rechtsunsicherheit. Wir setzen uns dem Risiko jahrelanger Haftstrafen aus und können nichts Verlässliches sagen. Das ist für viele Leute sehr nervenaufreibend.

Und wie sollte man reagieren?

Man muss der Entwicklung einen Schritt voraus sein und die Rechtsnorm darauf hin prüfen, wie die kleinen Clubs da hineinpassen. A priori erfüllen wir schon jetzt die striktesten Kriterien des Obersten Gerichtshofes. Aber falls nötig, muss ein Club auch seine Satzung ändern, die Anzahl der Mitglieder reduzieren, eine Klausel in die Satzung einfügen, mit der die Beteiligung am Anbau allen Mitgliedern zur Pflicht gemacht wird, usw.

Wir müssen da kreativ sein, solange wir auf Rechtssicherheit warten, und im Umfeld der einzelnen Clubs für Sicherheit sorgen. Das Problem ist nur: Weil es keinen klaren gesetzlichen Rahmen gibt, gibt es auch keinen klaren Leitfaden, was zu tun ist. Niemand kann heute sagen, was die Gerichte in ein oder zwei Jahren sagen werden.

Und welche Möglichkeiten siehst du im Parlament? Glaubst du, dass kurz- oder mittelfristig eine Cannabis-Legalisierung möglich ist?

In anderen sozialen Fragen hat man bereits gesehen, dass im Parlament neue Mehrheitsverhältnisse herrschen. Weil die PP nun in der Minderheit ist, gibt es jetzt die Möglichkeit, dass das Parlament sich mit seiner Auffassung durchsetzen kann. Aber selbst wenn das so ist, bleibt eine juristische Spitzfindigkeit: Die Regierung kann, auch wenn sie in der Minderheit ist, ein Gesetz stoppen, wenn durch es die Haushaltsausgaben betroffen sind. In den letzten Monaten hat man gesehen, dass die Strategie der Regierung zum Ausbremsen solcher Initiativen in diese Richtung geht. Ich weiß nicht, bis zu welchem Punkt man ein Cannabis-Regulierungsgesetz in diese Kategorie stecken könnte. Ich kenne mich da technisch nicht gut genug aus, aber ich glaube, dass das ein entscheidender Punkt sein wird.

Und was ist mit den politischen Initiativen, die es bereits gibt?

Auf der einen Seite gibt es das Volksbegehren zur Legalisierung von Cannabis, und dann noch zwei Gesetzentwürfe, den von der Partei Esquerra Republicana und der von der Partei Ciudadanos. Was den letzteren angeht, sehen wir das Problem, dass er sich auf die medizinische Nutzung von Cannabis beschränkt. In anderen Staaten hat man gesehen, dass ein Zwischenschritt zur Legalisierung von Cannabis als Genussmittel die vorherige Legalisierung von medizinischem Cannabis sein kann. Wahrscheinlich, um die öffentliche Meinung darauf vorzubereiten. Das ist legitim, aber ich glaube, das ist nicht unser Kampf. Cannabis als Arzneimittel ist ein unbestreitbares Recht von Kranken, aber ich trete für das Recht auf seine Nutzung als Freizeitdroge ein. Wir finden den Vorschlag gut, aber er ist eigentlich nicht das, was wir fordern. Der Gesetzentwurf von Esquerra hat sich zwar für die Clubs stark gemacht, aber er wurde bereits durch ein politisches Manöver gekippt, damit die ERC nicht die Lorbeeren einheimsen kann, einen eigenen Antrag durch das Gesetzgebungsverfahren bekommen zu haben.

Das Volksbegehren ist ein Alleingang. Als die Plattform Regulación Responsable gesagt hat, dass alles im Konsens entschieden werden sollte, hat ihr politisch einflussreicher Verantwortlicher mit seinen Leuten aus Navarra im Alleingang ein Volksbegehren vorgeschlagen. Da hat sich ein gewisses Sammelsurium politischer Initiativen  gebildet, die das vorantreiben. Da geht es kreuz und quer durcheinander. Wir werden dieses Volksbegehren unterstützen, sind aber nicht mit Enthusiasmus dabei. Wir wollen da keine Finger in Wunden legen. Nur wenige Leute aus der Cannabis-Community unterstützen das Volksbegehren, vor allem wegen der Art und Weise seines Zustandekommens. Und weil im Text auch Sachen stehen, die vielen nicht gefallen. Man hätte es im Konsens entscheiden müssen, aber es wurde alles einseitig beschlossen. Wir werden also nicht dagegen sein, aber wir werden es auch nicht übermäßig unterstützen.

Und was ist mit den Beziehungen zur größten Plattform, Regulación Responsable? Ihr seid schon lange nicht mehr Teil der Plattform. Machen da noch Clubs aus der FAC mit?

Ich weiß nicht, ob da noch vereinzelt einige Clubs drin sind. Als Verband haben wir Mitte letzten Jahres entschieden, uns von der Plattform zu trennen, um unseren Status als unabhängige Organisation zu erhalten. Wir stehen jedoch in regelmäßigem Kontakt. Wir tauschen Informationen über die Entscheidungen unserer Mitgliederversammlungen aus und wir haben Vertreter zu ihren Versammlungen entsandt.

Was war das Hauptbedenken, das zu eurem Austritt geführt hat?

Unser Hauptbedenken war ihre interne Organisations- und Arbeitsweise, vor allem bei einer Versammlung. Das hat nicht so funktioniert, wie wir das gewohnt sind. Weil wir uns dabei nicht wohl gefühlt haben, haben wir gedacht, dass wir alleine besser arbeiten können. Dann hat sich die Zusammenarbeit ergeben, aber eben als voneinander unabhängige Organisationen. Das Problem ist, dass es bei der RR viele Mitglieder gibt, die gar kein Interesse daran haben, selbst mitzuarbeiten, sondern lieber jemand beauftragen, der für sie die Dinge erledigen soll. Wenn die das so machen wollen, ist das OK, aber unser Gefühl hat uns gesagt, dass wir uns nicht daran beteiligen sollten, einen fremden Willen umzusetzen, auch wenn diese Arbeits- und Organisationsweise von der Versammlung ja selber so entschieden wurde. Wir sind uns aber auch des Werts dieser Plattform bewusst. Sie verfügt über finanzielle Mittel, da steckt viel Arbeit dahinter und sie haben Einiges erreicht.

Willst du noch etwas sagen, was dir wichtig ist?

Ja. Wir befinden uns derzeit in einem Kampf um Rechte, von denen wir glauben, dass wir sie bereits besitzen. Da wollen wir nicht nachgeben. Aber ausreichend ist das nicht. Es muss eine gesetzliche Änderung geben, für die wir noch keinen endgültigen Vorschlag haben. Aber wir sind der Auffassung, dass es bei einer künftigen Legalisierung weiterhin Cannabis-Clubs und das Recht auf Eigenanbau geben muss.

The post Interview mit Javier Puig, Vorsitzender des Cannabis-Verbandes FAC appeared first on Sensi Seeds Blog.

Original Artikel:Interview mit Javier Puig, Vorsitzender des Cannabis-Verbandes FAC



21/05/2017 - 11:57:00
24/10/2016 - 12:00:00
03/09/2016 - 08:00:00
info
Total Seiten / Sprache:   23'649 / 1'074
Im Archiv :   46'559
Seiten letzten 24 Stunden:   16
Diesem Monat Seiten:   869
Ansichten:   4'974'451
Ansichten-Archiv:   9'722'221

©2017 - Hempyreum.org - Nachrichten aggregator über Hanf und Cannabis [Beta] | Alle Rechte und Inhalten sind Eigentum der Jeweiligen Inhaber

Werbung