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„Ohne Marihuana würde meine Tochter sterben“
Autor: Jan Marot 14/05/2017 - 12:32:00

„Es war ein Wunder“, sagt Soraya Chisu (*1975, Bahia Blanca, Argentinien) ist Krankenschwester, Mitbegründerin und Sprecherin von CAMEDIA, eine argentinische NGO, initiiert von Müttern schwerkranker Kinder für die medizinische Cannabis-Nutzung. Ihre Tochter Katarina (11) leidet an pharmakoresistenter Epilepsie und Cerebralparese. Nach nur 20 Tagen Behandlung mit CBD-Extrakt besserte sich ihre gesundheitliche Situation radikal. „Die Pflanze gehört von der Liste der Drogen gestrichen“, fordert Chisu. 

Interview mit Soraya Chisu

Frage: Wie sind Sie auf Cannabis und seine medizinischen Qualitäten aufmerksam geworden?

Antwort: Ich bin die Mutter von Catarina, sie ist eben elf Jahre alt und hat infantile Cerebralparese. Zudem leidet sie an pharmakoresistenter Epilepsie. Auch die Tochter unserer NGO-Präsidentin leidet an einer Form der Epilepsie, die sich das Lennox-Gastaut-Syndrom nennt. Wir haben vor drei Jahren den Weg mit Camedia begonnen. Eben da unsere Töchter auf keine der konventionellen Therapieformen angesprochen haben. Meine Tochter konkret hatte derart schwere Anfälle, die nicht und nicht aufhörten. Sie war in künstlicher Beatmung und über lange Zeit absolut ruhiggestellt. Fast zwei Jahre lang. Wenn sie aufwachte, folgte eine neuerliche, epileptische Attacke. Die Anfälle schädigten zudem ihr Gehirn weiter und weiter. Die Ärzte wollten bereits die lebenserhaltenden Apparate abstellen. Und just damals sah ich im Fernsehen eine Dokumentation auf CNN, die Sendung Weed vom Mediziner Sanjay Gupta …

Frage: … die weltweit für Furore sorgte.

Antwort: Gupta beschrieb den Fall von Charlotte. Ein Mädchen, dessen Zustand sich durch die Einnahme von hochgradig CBD-haltigem Marihuana-Öl sich deutlich besserte. Mehr noch, die epileptischen Krampfattacken reduzierten sich fast gegen Null. Wir waren damals in einer Gruppe von Müttern von Kindern mit Beeinträchtigungen, und ich fragte im Plenum, ob sich jemand mit Cannabis auskenne. Eine Kollegin riet mir, doch einen Grow-Shop aufzusuchen, der bei ihr in der Nachbarschaft ist. Was ich auch tat.

Frage: Doch Cannabis war damals für die medizinische Nutzung verboten, wie auch die rekreative. Was haben sie gemacht, um an Cannabis für Ihre Tochter zu kommen?

Antwort: Wir erhielten im Grow-Shop einen Kontakt zu zwei liebenswerten Cannabis-Kleingärtnern, die uns sagten, dass sie nichts verkaufen würden. Sie bauten nur für den Eigenbedarf an. Aber sie wären gerne bereit für uns Extrakte herzustellen. Probiert es einfach aus, sagten sie.

Frage: Wie war die Reaktion Ihrer Tochter?

Antwort: Erst probierten wir es alle im Verein selbst. Es war eine sehr leichte und leckere Tinktur (lacht). Dann begann ich es meiner Tochter Catarina zu verabreichen. Nach 20 Tagen wachte sie auf, ohne einen Anfall zu bekommen. Sie lächelte. Sie atmete ruhig. Ich konnte die künstliche Beatmung abstellen. Es war ein Wunder. Fast wie im Film Zeit des Erwachens (Anm. 1990) mit Robert de Niro und Robin Williams, wenn Sie diesen kennen. Ein regelrechter Flash. Da wusste ich zweierlei: Einerseits werde ich nicht mehr einen Tag ohne diese Medizin für meine Tochter sein. Und zweitens, das muss einfach für alle legal verfügbar sein.

Frage: Begannen Sie selbst Cannabis anzubauen?

Antwort: Natürlich, ich begann damit sofort. Denn die Kleingärtner hatten mit allerlei zu kämpfen, in erster Linie waren es Leute, die ihnen ihre Ernte stahlen. Aber auch das Gesetz war ein Problem. Damals war alles illegal. Die Inhaber des Grow-Shops waren mir dabei sehr hilfreich, was den Eigenanbau betrifft.

Frage: Hatten Sie Unterstützung von Medizinern in jener Phase?

Antwort: Wir versuchten einen Experten in Argentinien zu finden. Was gar nicht einfach war. Wir stießen einzig auf eine Gynäkologin, die an Cannabis als Mittel gegen Fehlgeburten und spontane Abtreibungen forschte. Wir haben sie angeschrieben. Sie lud uns zu ihr ein, mich, die Präsidentin und eine dritte Mutter, die selbst Ärztin war. Das war der erste Schritt. Mehr und mehr vereinten wir uns mit anderen Cannabis-Patienten, Schmerzpatienten, Krebspatienten und viele mehr. Dann entschlossen wir uns, uns landesweit zu vernetzen. Wir starteten die Website, die wegen der massiven Zugriffszahlen in den ersten Tagen und Wochen fast kollabierte. Es herrschte einfach ein unglaubliches Vakuum, gesetzlich, rechtlich, aber auch akademisch, dass es zu füllen gilt und galt. Cannabis war ein Tabu, mehr noch: Es war der Satan für die Mehrheit.

Frage: Wie konnte ein Bewusstseinswandel bis zur kürzlich beschlossenen Legalisierung für die medizinische Nutzung in knapp drei Jahren erreicht werden?

Antwort: Wir organisierten Seminare, bereisten das ganze Land. Vor allem im Norden Argentiniens waren die Cannabis-Patienten absolut auf sich alleine gestellt, und quasi verloren. Wir suchten auch stets bei öffentlichen Stellen um Unterstützung an. Der Bewusstseinswandel, vor allem in der Politik, der war in der Tat eine Mammutaufgabe. Was glauben Sie, wie ein Lokalpolitiker einem gegenübertat, wenn man ihm schilderte, dass man seine kranke Tochter, ein Kind, mit Cannabis behandeln will? Ohne Marihuana würde meine Tochter sterben. Selbst wenn es von moralischem Standpunkt aus, demgegenüber in Opposition zu stehen.

Frage: Was waren die Schlüsselmomente in jenem Kampf hin zur Freigabe?

Antwort: Es waren viele, doch hervorzuheben ist ein Meilenstein im Jahr 2015. Damals schaffte es erstmals eine Mutter einer kranken Tochter, ebenso Mitglied von Camedia, dass man es ihr gewährte das Cannabis-Extrakt von Charlotte’s Way (Anm. vormals Hippie’s Dissapointment, dt. „Enttäuschung“) aus dem Ausland zu importieren. Wohlgemerkt einzig unter dem Grund, es ihrer Tochter palliativmedizinisch zu verabreichen. Sprich, wenn es keine Chance auf Heilung einer terminalen Erkrankung gibt. Dem Voraus ging ein Entscheid der US-Drogenbehörde FDA, die ebenjenem CDB-reichen Extrakt, dessen THC-Gehalt keinesfalls ausreicht um psychodelische Effekte zu erreichen, die Ausfuhr aus den USA erlaubte.

Frage: Welche Rolle spielten in dem gesamten Prozess die traditionellen Medien Argentiniens?

Antwort: Ebendieser Fall war der Funken, mit diesem Augenblick ‚explodierte‘ das Thema Cannabis im medizinischen Gebrauch in den Tageszeitungen, in den Radios und im TV. Und auch seitens der Regierung räumte man erstmals ein, sich des therapeutischen Nutzens der Cannabis-Pflanze bewusst zu werden.

Frage: Wie stehen Sie zur aktuellen Legalisierung von Cannabis in der Medizin, ein Gesetz, das allem Anschein nach deutlichen Verbesserungsbedarf aufweist?

Antwort: Das Gesetz ist noch in der Ratifizierungsphase, und nicht zur Gänze abgeschlossen. Vom Beschluss und dem In-Kraft-Treten Anfang April läuft eine Frist von 60 Werktagen. Wo auch noch Abänderungen gemacht werden können. Die Pathologien, bei denen Cannabis zum Einsatz kommen wird, sind noch nicht festgelegt. Sicher ist, es wird nicht einzig für die pharmakoresistente Epilepsie legalisiert werden. Das Gesetz ist weitreichend, der Wortlaut ist zudem sehr vage. Wir warten bei Camedia nach wie vor auf den abschließenden Entwurf, um eben auch das Kleingedruckte studieren zu können.

Frage: Was steht bisher fest?

Antwort: Das Elementare ist, dass der Staat sich um die Produktion und Versorgung der Patienten kümmern wird. Und für Cannabis gilt das eben auch in jeglicher Form, seien es die Blüten zum Rauchen, für Vaporizer, als Tees oder Gebäck, oder eben Tinkturen, Öle unter anderem. Für alle Patienten, die Cannabis brauchen. Zudem wird ein Register erstellt, indem alle Cannabis-Patienten vermerkt werden. Auch wird der Eigenanbau von Patienten reglementiert, auf dass jenen nicht mehr eine Strafverfolgung droht.

Frage: Gibt es die reale Gefahr, dass das Gesetz noch in letzter Minute gekippt, oder eben massiv zum Negativen verändert wird?

Antwort: Selbst wenn die abschließende Reglementierung nicht umgesetzt wird, was bei vielen Gesetzen in Argentinien nie geschehen ist: Das Gesetz ist in Kraft. Also zumindest haben wir Rechtssicherheit. Sprich man wird uns nicht mehr strafrechtlich belangen können, für den Anbau und das Verabreichen an Patienten. Und auch keinen mehr für die medizinische Nutzung inhaftieren. Es ist ein erster Schritt das Gesetz. Noch lange nicht genug. Es gibt noch viel zu machen, viel zu optimieren.

Frage: Welche Punkte fordern Sie von Camedia ein?

Antwort: Abseits der Straffreiheit für den Eigenanbau fordern wir von Camedia, dass man Cannabis von der Liste der Drogen streicht. Das ist nicht einfach, wir haben erreicht, was wir erreicht haben. Cannabis als Droge einzustufen macht keinen Sinn. Es ist harmlos. Mehr noch, wenn man es mit dem Alkohol vergleicht, der überall frei erhältlich ist. Ich bin überzeugt, es wird nicht mehr lange dauern, bis alle Welt endlich einsieht, dass Cannabis keine Droge ist. Eine noch offene Front ist es, den Cannabis-Produzenten, den Growern hier in Argentinien den Anbau zu erlauben. Wir haben hier großartige Kleingärtner mit grünen Daumen. Und es gibt viele Patienten, die nicht in der Lage sind, selbst anzubauen. Das muss auch verankert werden im Gesetz.

Frage: Wäre hier ein Weg, ähnlich dem Spaniens, mit „Cannabis Clubs“ selbst wenn diese in einer rechtlichen Grauzone agieren, ein Weg?

Antwort: Definitiv. Der Anbau ohne Profitorientierung im Vereinskontext ist eine sehr gute Variante. Sprich über den Weg der Selbstorganisation. Doch hier ist das Gesetz Argentiniens durchaus ambitioniert. Denn der Staat verpflichtet sich darin, die Versorgung der Patienten kostenlos für jene zu gewährleisten. Wenn das in der Tat umgesetzt wird, dann ist es ein großer Wurf. Wobei hier auch viele Interessen mitspielen. Denn der Import von Cannabis ist nach wie vor illegal. Es darf einzig und alleine das erwähnte CDB-Öl von „Charlotte’s Way“ eingeführt werden. Und nur für Patienten von pharmakoresistenter Epilepsie. Neben natürlich dem allseits bekannten Sativex.

Frage: Sorgt die Nähe zu Uruguay, wo Cannabis ja auch für den rekreativen Konsum legal ist, dafür, dass argentinische Cannabispatienten ins Nachbarland fahren? Und auch Chile hat eine fortschrittliche Gesetzeslage für die medizinische Nutzung, Peru steht kurz davor …

Antwort: … Uruguay hatte mit José Mujica einen wunderbaren Präsidenten. Einen, der nicht korrupt war. Und der die Legalisierung durchgesetzt hat. Wir selbst haben uns mit Vereinen von Müttern schwerkranker Kinder dort in Verbindung gesetzt und wir sind auch hingefahren. Wobei Uruguay eben keine spezifische Gesetzgebung hat, was Cannabis-Patienten betrifft, und wo die Abgabe, bestenfalls kostenlos sein sollte, an all jene, die es brauchen. In diesem Punkt hinkt Uruguay hinterher. Und ehrlich gesagt bevorzugen wir von Camedia, unsere eigenen Pflanzen hier in Argentinien anzubauen, als ein in Uruguay in Eigenbau-Labors hergestelltes Öl über die Grenze zu bringen.

Frage: Wie steht es nach wie vor um das Thema der Strafverfolgung, allen Fortschritten zum Trotz?

Antwort: Es wird immer schlimmer, ehrlich gesagt. Denn die aktuelle Regierung unter dem konservativen Präsidenten Mauricio Macri hat wieder einmal den Krieg gegen den Drogenhandel erklärt. Darum gingen auch zuletzt mehr als 150.000 Argentinier in Buenos Aires auf die Straßen, um gegen die Verfolgung von Kleingärtnern und Konsumenten zu demonstrieren, und einmal mehr auch die Legalisierung für den rekreativen Cannabis-Konsum einzufordern. Denn Macri setzt hier auf absolut antiquierte politische Konzepte, und es werden die Erfolgsstatistiken der Polizei mit Anzeigen und Strafen gegen Gelegenheitskonsumenten geschönt. Während die großen Fische unbehelligt weiter Millionen scheffeln, auch dank der weitreichenden Korruption die unter Politikern vorherrscht. Cannabis-Grower sind die perfekten Sündenböcke.

Zur Person:
Soraya Chisu (*1975, Bahía Blanca, Buenos Aires, Argentinien) ist Krankenschwester, Mitbegründerin und Sprecherin von CAMEDIA. Eine NGO, initiiert von Müttern schwerkranker Kinder, für die medizinische Cannabis-Nutzung. Ihre Tochter Catarina (11) hat pharmakoresistente Epilepsie und Cerebralparese. Dank Cannabis-Extrakten mit hohem CBD-Gehalt ist ihr Zustand weit besser. Camedia dient als Netzwerk und Beratungsstelle für Cannabis-Patienten und ihre Angehörigen in Argentinien. Mehr als 2000 Anfragen beantwortet man jenen Monat.

Webtipp:
http://www.cannabismedicinal.com.ar/

Der Beitrag „Ohne Marihuana würde meine Tochter sterben“ erschien zuerst auf Hanf Magazin.

Original Artikel:„Ohne Marihuana würde meine Tochter sterben“



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