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Gibt es Cannabis-Sucht wirklich?
 15/10/2018 - 10:00:00

Für die Mitglieder von Marijuana Anonymous, einem Ableger des Suchterholungsprogramms Anonyme Alkoholiker, ist Cannabis eine gefährliche Droge, die so zerstörerisch wie Crack und grausamer als Kokain ist. Aber ist es richtig, so über Cannabis zu denken? Steht es im Widerspruch zu derzeitigen Forschungen, die den gesundheitlichen Nutzen von Marihuana bezeugen?

Was ist Sucht?

Im Jahr 2011 definierte die American Society of Addiction Medicine (ASAM) Sucht als „chronische Hirnerkrankung“, die einen Süchtigen dazu bringt, pathologisch durch Substanzen oder Aktivitäten herbeigeführte Belohnungs- oder Linderungsgefühle erfahren zu wollen, die sich nachteilig auf sein allgemeines Wohlbefinden und seine zwischenmenschlichen Beziehungen auswirken. Die ASAM kam nach vierjähriger Beratung mit Unterstützung von mehr als 80 Experten zu dieser Definition.


Auf ihrer Website erklärte die ASAM: „Die Forschung zeigt, dass die Krankheit Sucht die Neurotransmission und die Wechselwirkungen innerhalb der Belohnungszentren des Gehirns beeinflusst. Dies führt zu Suchtverhalten, das gesunde Verhaltensweisen ersetzt, während Erinnerungen an frühere Erfahrungen mit Essen, Sex, Alkohol und anderen Drogen das Verlangen nach jenen Dingen und somit die Wiederholung des Suchtverhaltens auslösen.“

Dr. Raju Hajela, Vorsitzender des ASAM-Ausschusses der neuen Definition, sagte: „Sucht ist keine Wahl. Suchtverhalten ist eine Erscheinung der Krankheit, keine Ursache.“ Sein Kollege Dr. Michael Miller, ehemaliger Präsident der ASAM, der die Entwicklung der neuen Definition beaufsichtigte, fügte hinzu: „Viele chronische Krankheiten erfordern Verhaltensentscheidungen, wie beispielsweise diejenigen von Menschen mit Herzerkrankungen, die sich entscheiden, sich gesünder zu ernähren oder Sport zu treiben“. Er riet, „Möglichkeiten für Einzelpersonen und Familien zu schaffen, sich Unterstützung zu holen“.

Marihuana gegen Alkoholismus

In einem kürzlich erschienenen Artikel für Merry Jane sprechen Nikki und Swami (auch bekannt als „The Cannabis Couple“, zu Deutsch „Das Cannabispärchen“), die seit Jahrzehnten von ihrer Heimat in Kalifornien aus für Cannabisrechte kämpfen, davon, dass sie die „dekadenten 80er“ niemals ohne Gras überlebt hätten. Sie beklagen, wie viele ihrer Freunde, die starke Trinker oder abhängig von härteren Drogen waren, nicht überlebt haben, und danken Marihuana dafür, ihre Leben gerettet zu haben. Wenn sie jemand als Marihuanasüchtige bezeichnete, würden sie zweifelsohne zunächst an einem dicken Joint ziehen und eine Weile darüber lachen.

Das Cannabispärchen und andere Cannabis-Prominente wie Snoop Dogg, Joe Rogan oder Rihanna sind lebender Beweis dafür, dass es durchaus möglich ist, trotz Cannabiskonsum ein aktives und produktives Leben zu führen, das viel Positives mit sich bringt. Immerhin war Willie Nelson jeden Tag seines Lebens stoned, ist nach wie vor fit wie ein Turnschuh und sorgt für allerlei Kontroversen – er ist 85 Jahre alt und kein Ende in Sicht.

Der Comedian George Carlin ist ein weiterer Prominenter, der offen mit seinem Cannabiskonsum, aber auch mit seinen Problemen mit Alkohol und Vicodin umging. Er hatte schon in jungen Jahren Herzprobleme und starb im Alter von 71 Jahren an einem Herzinfarkt. In einem kürzlich erschienenen Vice-Artikel geben die meisten Mitglieder der Marijuana Anonymous zu, auch zu anderen Substanzen als Cannabis zu greifen – in der Regel zu Alkohol, der dafür bekannt ist, Depressionen zu verstärken. Würden sie anders empfinden, wenn sie ausschließlich Cannabis konsumiert hätten? Ist diese Frage überhaupt berechtigt?

Das soll nicht heißen, dass die Sucht, unter der die Mitglieder von Marijuana Anonymous leiden, nicht echt sei. Ein Mitglied beschrieb seine Gewohnheiten im Umgang mit Cannabis mit dem Gefühl, „von einem Häschen zu Tode getrampelt zu werden“. Marihuana ist in seinen Augen also tödlich, aber seine Meinung deckt sich nicht mit den Statistiken. In Amerika führt übermäßiger Alkoholkonsum zu fast 90.000 Todesfällen pro Jahr. In Australien liegt die Zahl bei ungefähr 6.000 Todesfällen pro Jahr, jedoch ist sie in den letzten zehn Jahren um 62 Prozent gestiegen. 175 Amerikaner sterben täglich an den Folgen von Opiatkonsum.

Wie aus einem Bericht der Drug Enforcement Administration (DEA – die amerikanische Drogenstrafverfolgungsbehörde) von 2017 hervorgeht, ist noch nie jemand durch Cannabiskonsum gestorben. Das heißt nicht, dass Cannabis keine Nebenwirkungen birgt. Matt Hill, Professor am Hotchkiss Brain Institute in Calgary, Kanada, vergleicht eine Cannabis-Überdosis mit einer Panikattacke oder, in seltenen Fällen, einer psychotischen Episode. Aber er mag das Wort „Überdosis“ jedoch nicht, da es den Zustand nicht genau beschreibt, da eine Überdosis rein technisch gesehen zum Tod führt. Er bevorzugt den Begriff „Cannabis-Toxizität“. In den Krankenhäusern Ontarios hat sich der Begriff „Greenout“ eingebürgert.

Das Problem der Anonymen Alkoholiker

Die Anonymen Alkoholiker definieren Sucht als den Punkt, an dem ein Leben aufgrund destruktiven Verhaltens, das durch Alkohol geschürt wird, unkontrollierbar wird. Die Anonymen Alkoholiker bitten ihre Mitglieder zuzugeben, dem Alkohol gegenüber „machtlos“ zu sein, und, sobald dies geschehen ist, sich dem Dogma der „Twelve Steps“ (zu Deutsch „Zwölf Schritte“) zu unterwerfen. Dies beinhaltet unter anderem, dass die Mitglieder sich bei denjenigen entschuldigen, denen sie geschadet haben, und eine Art Sozialdienst im Namen der Anonymen Alkoholiker ableisten. Auf diese Weise wecken die Anonymen Alkoholiker Reue für vergangene Fehler und halten ihre Mitglieder mit Gemeinschaftsaufgaben beschäftigt.

Wenn die Sucht in all ihren Facetten jedoch auf eine fehlerhafte neuronale Vernetzung im Gehirn zurückzuführen ist, wofür genau entschuldigen sich dann die Mitglieder? Nach dieser Logik sollten sich übergewichtige Menschen bei ihren Familien dafür entschuldigen, dass sie zu viel Junk Food gegessen haben. Oder es wäre für Ärzte in Ordnung, einen Mann zu ignorieren, der gerade einen Herzinfarkt erleidet, weil er sich weigerte, kein Rindfleisch mehr zu essen. In der Tat ist dieses Denken bestenfalls veraltet und im schlimmsten Fall schädlich.

Ein Geständnis: 2017 verbrachte ich ein paar Wochen bei den Anonymen Alkoholikern und erlebte ihre Vorgehensweise aus erster Hand. Was ich dort erlebte war die Zurschaustellung der Schwächen gebrochener Menschen, die zur Unterstützung nicht viel mehr als eine Umarmung und ein Telefonat bekamen. Egal wie sehr die Mitglieder sich gegenseitig unterstützten, so schienen sie sich nie mit etwas anderem als ihrer eigenen Sucht zu beschäftigen – und wie könnte es auch anders sein, wenn sie stets in ihrem Schatten leben, ihr gegenüber völlig „machtlos“? Ich flüchtete und gab mich meinen Cannabisgewohnheiten hin, die mir wesentlich bessere Dienste leisteten.

Wie man Marihuanasucht behandelt

Aber es gibt noch einen weiteren Punkt, der nicht übersehen werden darf: Alkoholmissbrauch betrifft jeden Körper auf die gleiche Weise, Cannabis nicht. Jeder, der Alkohol missbraucht, wird unter einer Reihe von Nebenwirkungen leiden, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lebererkrankungen, Atemwegsinfektionen, Nervenschäden und Geschwüre. Eine Studie aus dem Jahr 2013 über die Auswirkungen von Cannabiskonsum ergab, dass genetische Faktoren die Interaktion von Cannabis mit dem Gehirn beeinflussen.

Kurz gesagt bedeutet dies, dass, aufgrund der genetischen Vielfalt, kein Mensch die Wirkung von Cannabis auf die gleiche Weise erlebt, ebenso wie manche Menschen einen Teller Nudeln essen und sich wohlfühlen können, während dieselben Nudeln einen Menschen mit Glutenunverträglichkeit ins Krankenhaus befördern würden. Bei Cannabis muss jedes Individuum für sich die Dosis finden, die für ihn oder sie funktioniert – und ja, die falsche Dosis kann durchaus unerwünschte Effekte bewirken.

Cannabis ist vielleicht nicht wie andere Drogen, was aber nicht bedeutet, dass es nicht süchtig macht oder missbraucht werden kann. Gesundheitsexperten schätzen, dass etwa zehn Prozent aller Cannabiskonsumenten süchtig sind. Ich würde sogar behaupten, dass die Zahl wahrscheinlich höher ist. Nicht alle Cannabis-Süchtigen würden sich aber als solche betrachten – und wenn ihre Leben in keiner Weise dadurch beeinträchtigt werden, warum sollte das dann eine Rolle spielen?

In Zukunft sind intelligentere Denkweisen gefragt, ebenso wie relevantere Fragen, beispielsweise: „Wie sieht gesunder Cannabiskonsum eigentlich aus?“, „Was für Maßnahmen und Auffangzentren wollen wir für hilfebedürftige Konsumenten schaffen?“ oder „Ist es auch möglich, Cannabis zur Behandlung anderer Abhängigkeiten zu verwenden?“. Die Zeit, Cannabis zu stigmatisieren und sich den Möglichkeiten, die es bietet, zu verschließen, ist vorbei.

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Original Artikel: Gibt es Cannabis-Sucht wirklich?

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